Unterwegs-Sein ein Text von Ingeborg Ruthe 


Andere machen sich Notizen, wenn sie unterwegs sind oder sie besprechen Diktiergeräte, um nicht zu vergessen, was sie sehen. Oliver Möst fotografiert, füllt sein Tagebuch, sein Fahrtenbuch mit Aufnahmen, die Rastlosigkeit vortäuschen mögen. In Wahrheit hat der Fotograf gewiss recht lange vor seinen Motiven zugebracht. Entstanden sind rätselhaft rhythmisch und immer vertikal zerstückte Panoramen.

 

Der abendliche Blick auf die Spree, nahe Jannowitzbrücke, von Kreuzberger Seite aus, auf Mitte und Friedrichshain, auf S-Bahn und postsozialistische Neubauviertel, wirkt gleichsam wie ein Zeitgedicht: fünf Momentaufnahmen, vom gleichen Kamerastandpunkt aus, von einem Dach herab, aufgenommen. Tausende Lichter spiegeln sich im Wasser, die Spree scheint winzige Eisschollen zu führen, es kann auch nur eine Täuschung sein, und möglicherweise ist die S-Bahn die selbe, oder aber zwei, drei Bildsequenzen weiter, längst eine andere. Dies ist konzeptuelle - keine reportagehafte - Fotografie, mit enormem poetischen Effekt. Der perspektivische Zugang zu den Motiven schafft ein rhythmisches "Relief", die Anordnung der Bildabschnitte in strenger Reihung gibt eine Art Rahmen, so dass die Motive zwar aufs Engste verbunden und doch jeweils eine eigene geschlossene Einheit sind. Es gibt darin Doppelungen, Spiegelungen, Reflexionen. Diese additiven Motive erzählen, allerdings in Rätseln, denn Vorgefundenes wird verfremdet, zu fast surrealer, beinahe malerischer Qualität. Und immer ist da verdoppelte, vervielfachte Bewegung.

 

Oliver Möst benutzt dafür Halbformat-Kameras aus den Siebzigern, Kenner nennen diese dienstbaren Apparate Agfa paramat, Olympus Pen oder, ein bezeichnendes Wortspiel, auch Agfa parat. Mit der alten Technik kann der Fotograf auf einem 36er Kleinbildfilm 72 Aufnahmen belichten. Ein Freund hatte Ende der Neunziger damit fotografiert, Oliver Möst borgte sich die Kamera, auf dem Flohmarkt kam er dann zu einer eigenen Kamera dieser Art; bald erstand er die nächste und übernächste. Die Halbformat begleitet ihn mittlerweile auf allen Wegen - von Berlin über Madrid nach Rotterdam und seit dem Jahr 2000 entstand so die Serie PenParamat; es sind Bilder vom Unterwegs-Sein, von Städten, Architekturen, Plätzen, Innenräumen, von Häusern und Stadtbahnen am Fluss. Und es sind Motive von Landschaften. Aufgenommen unmittelbar aus der Hand und meist mit langen Verschlusszeiten. So wurde die Zentralhalle der Bank Madrid bildwürdig: in vier Langzeitsequenzen aufgenommene, zu einem Panorama gefügte Hochformate, die Raum und Lampen kathedralartig verschmelzen und in einen bewegten Zustand versetzen. Die Statik der Säulenarchitektur der Halle wird durch die fliehenden Lichter in einen Schwebezustand versetzt, Tafeln und Ständer mit Informationsbroschüren scheinen zu fliegen, Leuchten tanzen als Reflexionen auf dem steinernen Fußboden.

 

Die Panoramen erzählen, aber das Erzählen, auch das gehört wohl zum Konzept des Fotografen, wird unvermittelt gestört; in den streng zerteilten Ansichten vom nächtlichen Rotterdamer Museumsplatz kommt das Sperrschild einer Ausfahrt ins Bild oder auf dem spiegelglatten Fußboden eines städtischen Foyers schwimmen von der Decke reflektierende Lampen wie Seerosen in einem Teich. Die Realität scheint gebrochen, irgendwie verschollen. Es ist als wolle der Fotograf sie wieder herstellen durch eine Motivik, in der der Vordergrund anscheinend nicht mehr so wichtig ist wie der Hinter- und Mittelgrund - ein gleichsam historisches Bildprinzip, umgesetzt für seine Unterwegs- ”Notizen”.